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09.06.2008    11:31 Uhr Drucken  |  Versenden  |  Kontakt
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Modell 605 Gesicht Luca, Modell 437 Gesicht Myung
Seit über hundert Jahren fertigt die Firma Moch Schaufensterpuppen. Sie verraten ähnlich viel über ihre Zeit wie die Kleider, in denen sie stecken.vergrößern

Schaufensterpuppen-Hersteller Moch

Stumme Schönheiten

Germany's next Topmodels: Seit über hundert Jahren fertigt die Firma Moch Schaufensterpuppen. Diese sind auch immer ein Spiegel ihrer Generation.
Von Stefan Weber

Anny hätte Chancen bei Heidi Klums Casting-Show. 179 Zentimeter groß, Körbchengröße B, Kleidergröße 34 bis 36: Mit diesen Maßen könnte die Blondgelockte mit dem Alabastergesicht ohne Weiteres mitmachen beim Schaulaufen um den Titel "Germany’s Next Topmodel". Aber Anny wird auch so Karriere machen, in der Modebranche. Als Model wird sie immer die aktuellen Kleidungsstücke tragen und begehrliche Blicke auf sich ziehen.

Nur über den Laufsteg wird sie niemals schreiten, denn Anny ist eine Puppe, oder besser gesagt: eine lebensechte Figur. Ihre Bühne sind die Schaufenster der Warenhäuser und Mode-Fachgeschäfte. Ihr Job ist es, Kleidung zu präsentieren, Kaufanreize auszulösen. "Dabei darf sie sich nicht in den Vordergrund drängen. Denn der Star ist nicht sie, sondern die Ware, die sie präsentiert", sagt Josef Moch, ihr Schöpfer.

Der 54-Jährige betreibt ein Gewerbe, das selten geworden ist in Deutschland und auch in Europa: Er fertigt Schaufensterfiguren. Seine Manufaktur ist bundesweit die älteste und letzte ihrer Art. Jedem seiner Geschöpfe gibt Moch Namen, nicht bloß eine Seriennummer. Da gibt es Typen wie Frederik und Thomas. Mit ihrem mittellangen Haar wirken sie sehr brav. Aber da sind auch Modelle wie Valeska oder Myung, die mit ihrem Make-up und den Perücken ein wenig verrucht daherkommen. "Die Figuren müssen zu der Mode, die sie präsentieren, und zum Stil des Ladens passen.

Mehr Künstler als Kaufmann

Wer die falschen Mannequins auswählt, hat auch die falschen Kunden in seinem Geschäft", sagt Moch. Er ist Chemiker, hat in seinem Fach promoviert. Aber als sein Vater Mitte der achtziger Jahre fragte, ob er das vom Großvater vor 101 Jahren gegründete Unternehmen weiterführen wolle, hat er doch Ja gesagt. "Sonst wäre der Betrieb geschlossen worden."


Die Figuren aus Fiberglas sind ihm eine Herzensangelegenheit. Beim Gang über das Betriebsgelände im Kölner Stadtteil Rodenkirchen wird rasch klar: Moch ist mehr Künstler als Kaufmann. Mit Leidenschaft klärt er darüber auf, dass die stummen Verkäufer immer ein Abbild des Zeitgeistes und gesellschaftlicher Veränderungen sind. So seien die Kunststoff-Grazien keineswegs immer so dünn gewesen wie derzeit: In den fünfziger Jahren beispielsweise, zu Beginn des Wirtschaftswunders, hätten sie gar ein kleines Bäuchlein vor sich hergetragen, erzählt der Unternehmer.

Kein Lächeln im Gesicht

Denn Fülligkeit habe damals signalisiert, dass man sich etwas leisten kann, dass es einem wirtschaftlich gutgeht. Im Showroom stehen die Figuren dicht an dicht, und in den vollgestopften Glasvitrinen verstecken sich Raritäten wie ein Ronald-Reagan-Kopf oder Kinderfiguren aus der Wirtschaftswunder-Zeit.

Auch der Gesichtsausdruck der Figuren orientiert sich Moch zufolge immer auch ein wenig am jeweils gültigen Schönheitsideal. Nur lächeln dürfen sie nicht - das wirke albern und naiv, sagt Moch. Damit gelten für Puppen die gleichen Regeln wie für echte Models, die meist auch sehr ernst über den Laufsteg schreiten.


Etwa 30.000 "Display-Mannequins", wie die Figuren im Fachjargon heißen, werden jedes Jahr in Deutschland verkauft. Abnehmer sind vornehmlich Warenhäuser und Bekleidungsfilialisten, aber immer häufiger auch Modehersteller, die sich anschicken, ein eigenes Ladennetz aufzubauen. Der Warenhauskonzern Karstadt beispielsweise hat im Rahmen der Umgestaltung seines Hamburger Alsterhauses 250.000 Euro in die Anschaffung neuer Schaufensterfiguren investiert. "Die nachgefragten Stückzahlen steigen, aber der Druck auf die Preise wird immer größer", klagt Moch.

Körper aus Taiwan

Mitunter wünschen sie auch lediglich einen Torso, also eine kopflose Figur. Die kann möglicherweise sehr viel länger Dienst zu tun als die kompletten Modelle, die häufig nach fünf, sechs Jahren ausgetauscht werden oder zur Aufarbeitung und Typveränderung in Mochs Werkstatt landen.


Die Konkurrenten des Kölner Figurenbauers sind heute vornehmlich Importeure aus Asien. Die haben ausschließlich industriell gefertigte Kunststoff-Beautys im Programm. Seelenlose Geschöpfe seien das, urteilt Moch, der Künstler. Aber auch er hat sich umstellen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben: Die Körper seiner Figuren lässt er schon lange in Taiwan fertigen - aus Kostengründen, aber auch, weil Umweltauflagen und Arbeitsstandards eine Produktion in Deutschland sehr schwierig machen, wie er sagt.


(SZ vom 09.06.2008/tob)

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